Insel Kyushu: Vom letzten Samurai, Vulkanen und einem Erdbeben.

Nachdem wir in der Stadt Fukuoka laue Sommerabende und feines Essen genossen sowie einiges für unsere weitere Reise organisiert hatten, konnte es losgehen mit unserer Erkundungstour über die Insel Kyushu und zwar mit dem Mietauto.

Wo gibt es denn hier den japanischen Führerschein?

Ihr fragt euch jetzt vielleicht, weshalb wir im öV-Land Japan ein Auto mieten. Hier auf der südlichen Insel Kyushu ist das etwas anders. Zwar sind die grösseren Städte auch hier mittels Bus oder Zug verbunden, doch sobald man etwas abgelegenere Orte besuchen will, ist ein Auto gemäss den Einheimischen sehr zu empfehlen. Mit Händen und Füssen hatten wir bei der Autovermietung (mit nur japanisch sprechendem Personal) neben dem Hotel ein Auto reserviert. Doch als wir dieses abholen wollen und der Mitarbeiter unseren roten Schweizerpass sieht, schluckt er erst einmal schwer und hält uns ein Papier über ein vor über 50 Jahren abgeschlossenes Abkommen unter die Nase. Wären wir Österreicher, so könnten wir mit dem Auto losbrausen. Doch da die Schweiz das Abkommen mit Japan nicht unterzeichnet hat, ist unser internationaler Fahrausweis hier ungültig und wir benötigen einen japanischen Führerschein. Wie so oft beim Reisen im Ausland gibt es für die Schweiz eine Sonderregelung, welche nicht gerade zum Vorteil von Reisenden ist. Beispielsweise ist es für unsere Nachbarn auch kein Problem ein sogenanntes ¨Work and travel¨ Visum zum reisen und arbeiten für Kanada, Neuseeland oder Australien zu bekommen, während es für die Schweizer unmöglich ist, da die Schweiz diesbezüglich keine Abkommen mit diesen Ländern abgeschlossen hat. Und so gilt meistens eine Vorzugsbehandlung für die gesamte westliche Welt, und eine Ausnahmeregelung für den Vatikan und die Schweiz…

Zum Glück gibt es gleich hier in der Stadt ein Büro, welches uns den japanischen Fahrausweis ausstellen kann. Da man auch hier wenig Englisch spricht, wird uns ein Zettel hingehalten, worauf beschrieben ist wie wir zum japanischen Fahrausweis kommen. Doch beim Durchlesen wird Christian (der Fahrer unserer ¨Reisegesellschaft¨) von Zeile zu Zeile blasser. Einen Sehtest, einen Test der Verkehrsregeln, einen praktischer Test mit einem Auto, einen psychologischen Test….All das soll er für den japanischen Führerschein machen müssen?! Kurz bevor er ohnmächtig zusammenbricht, kommt die Dame vom Büro vorbei:¨Oh entschuldigung, da habe ich euch die falsche Anleitung gegeben¨. Jetzt sieht die Sache schon ganz anders aus und wir atmen erleichtert auf. Nicht einmal eine halbe Stunde später nimmt Christian seinen Fahrausweis in japanischer Sprache in Empfang und kurz später schlängeln wir uns in unserem kleinen Auto durch den Stadtverkehr von Fukuoka.

Mit dem Mietauto auf Kyushu unterwegs

Die Augen unserer japanischen Gegenüber hatten jeweils gestrahlt, als sie uns über die Insel Kyushu berichtet haben. Sehr schön sei es dort, noch nicht so dicht besiedelt wie auf der Hauptinsel Honshu, stattdessen sei es Natur pur. Doch davon merkten wir heute herzlich wenig. Die über 2.5 Millionen Einwohner zählende Stadt Fukuoka hatten wir bereits hinter uns gelassen, aber auf unserem Weg in den Süden reihte sich auch nach stundenlanger Fahrt noch Stadt an Stadt. Ja, im sehr dicht besiedelten Japan versteht man etwas anderes unter ¨Natur pur¨ als in der Schweiz…. Lediglich die letzten paar Kilometer ins Landesinnere fuhren wir durch die Natur, über grüne Hügel, durch kleine Dörfer mit traditionellen Häusern. Als wir in Aso, einem Ort am Fusse eines Vulkans ankamen, war es bereits dunkel, so lange hatten wir durch die vielen Städte mit all ihren Ampeln gebraucht.

Von unserer heutigen Unterkunft, dem Aso Base Backpackers, waren wir auf Anhieb begeistert. Kein schmuddeliges Backpackers, wo man die Haare der Gäste des letzten Monats in der Dusche sieht und im Bett bereits Bedbugs auf ihre nächste Mahlzeit warten. Stattdessen ein neues, geräumiges Haus mit viel Holz, sensationelle Ausstattung mit vielen Extras, alles blitzsauber, ein sehr entspanntes Ambiente und engagierte, hilfsbereite Besitzer. Wir haben schon sehr viele Backpackers, Hostels und Jugendherbergen auf der ganzen Welt gesehen, doch dieses hier gehört definitiv zu den Besseren.

Wir kochten in der praktischen Küche, entspannten dann auf den Kissen am Boden im Gemeindschaftsraum während im Hintergrund leise Musik ertönte und wir den hauseigenen Apfeltee schlürften.

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Für die Nacht hätte sich noch jeder ein Kuscheltier aussuchen können. Aber wir haben ja uns :-)

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Nach einer herrlichen Nacht im weichen Federbett, entschlossen wir am nächsten Morgen spontan, auf dem Rückweg nach Fukuoka nochmals hier zu übernachten und dafür unsere bereits gebuchte Unterkunft zu annullieren.

Besuch bei der Sonnengöttin im Regen 

Das Wetter verhiess nichts Gutes als wir losfuhren und so waren wir schon bald im stockdichten Nebel und bei Nieselregen unterwegs und fühlten uns eher wie im Aargau als in Japan.

DSC03022 Zu einer kurzen Wanderung über die ehemaligen Vulkane konnten wir uns dann aber trotz Nieselwetter motivieren.

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Takachiho ist für die Japaner ein bedeutender Ort. Gemäss dem Shinto Glauben hat sich hier die Sonnengöttin einst verschanzt und die Welt so in komplette Dunkelheit gehüllt bevor sie von den anderen Göttern wieder hervorgelockt werden konnte und das Licht auf die Erde zurückkehrte. Heute schien der freie Tag der Sonnengöttin zu sein, auf jeden Fall schüttete es bei unserem Besuch des Tempels wie aus Kübeln.

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Die Mehrheit der Japaner folgen zwei Religionen, dem Shinto wie auch dem Buddhismus. Insbesondere Shinto ist ein sehr pragmatischer Glaube und in den Alltag der Japaner integriert, so dass er für uns bisweilen schwer fassbar ist. Im Shinto Glauben gibt es unzählige Götter, welche in Steinen, Bergen, Wasserfällen oder sonst irgendwo in der Natur sind. Jeder Gläubige kann sich seinen Kraftort mit seinen Götter selbst aussuchen (sei dies ein Shrine, ein Fluss oder allgemein die Sonnengöttin).

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Am späteren Nachmittag beobachteten wir die Surfer im stürmischen Meer nicht weit von unserer Unterkunft an der Küste gelegen. Hierfür hatten wir uns jedoch zuerst über ein halb verwachsenes Weglein durch den Wald an den Strand kämpfen müssen, begleitet von den vielen Krabben in allen Grössen, welche auf der Flucht vor uns die Bäume hinauf krabbelten.

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Die japanischen Gäste in unserem Surfer-Guesthouse waren sehr überrascht, als sie uns sahen. Was um alles in der Welt machen zwei Westler hier in Hyuga, irgendwo in der Pampa?? Die meisten westlichen Touristen bewegen sich bei ihrem Japan-Besuch zwischen Tokyo, Kyoto, Osaka und praktisch niemand verirrt sich bis auf die südliche Insel Kyushu. Umso erfreuter waren die Einheimischen jeweils uns zu sehen. Ja, sie überwanden sogar ihre natürliche Schüchternheit, um mit uns ins Gespräch zu kommen, sei es im Supermarkt oder auf der Strasse. Alle waren extrem hilfsbereit, freundlich und offen zu uns. Kyushu wird auch ¨Die freundliche Insel¨ genannt und der Übernahme kommt nicht von ungefähr.

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Die Erde bebt und wir besuchen Udo

Kurz nach 4 Uhr morgens wurden wir unsanft aus dem Schlaf gerissen. Es polterte und schepperte, unser Stockbett wankte. Was war das? Ein Erdbeben! Während wir nicht wussten wie uns geschah, standen die Erdbeben-erprobten japanischen Gäste bereits unter dem Türrahmen – dem sichersten Ort während einem Erdbeben, so sagt man. Sobald das Beben aufhörte, checkten sie bereits das Internet. Wo war das Epizentrum? War es etwa ein Seebeben und müssen wir hier direkt an der Küste mit einem Tsunami rechnen? Zum Glück konnte Entwarnung gegeben werden, mit einem Tsunami war nicht zu rechnen. ¨Das war schon etwas furchteinflössend¨, meinte dann sogar unser japanischer Zimmernachbar nach dem Erdbeben der Stärke 6.1. Dies obwohl er sich als Einheimischer Erdbeben eigentlich gewöhnt ist. Japan liegt in einem Erdbebengürtel, im Schnitt bebt fast jeden Tag irgendwo in Japan die Erde. Die meisten Beben sind natürlich schwach, so dass sie kaum wahrgenommen werden. Doch immer mal wieder kommt es in Japan zu gewaltigen Erdbeben mit grossen Zerstörungen. Nicht umsonst bereitet sich Tokyo seit den 70er Jahren auf ein lange überfälliges Mega-Beben vor. Doch auch wenn die meisten Gebäude ¨erdbebensicher¨ gebaut wurden, lässt sich nur erahnen, welche Zerstörung ein solches Beben in einer 35 Millionen Stadt wie Tokyo anrichten würde.

Nach ein paar weiteren Stunden Schlaf mit kleineren Nachbeben machten wir uns auf den Weg der Küste entlang in Richtung Süden. Das Wetter war mal wieder trüb und regnerisch, entsprechend waren die Ausblicke auf die Küste wenig spektakulär.

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Wir entschieden uns spontan zu einem Besuch bei Udo, genauer gesagt dem ¨Udo Shrine¨ über den Klippen in und auf die Felsen gebaut. Wir hatten nicht viel erwartet, doch wurden positiv überrascht.

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Etwas Farbe an einem grauen Nebeltag.

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Die Tempelanlage wurde über und unter den Felsen gebaut.

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Rauchender Vulkan in Kagoshima

Mit dem Auto auf der Insel Kyushu unterwegs zu sein ist bisweilen kein Fahrvergnügen. Wir hatten uns die Insel weniger besiedelt und entsprechend mit weniger Verkehr vorgestellt. Doch meist waren die Strassen verstopft und es ging nur langsam vorwärts, was auch an den vielen, vielen Ampeln liegt. Endlich ging es flüssig vorwärts bis plötzlich eine Abschrankung kam. Was ist denn jetzt los? Eine Zahlstelle, doch leider nur mit ETC-Karte (was auch immer das ist). Hinter uns hatte sich bereits eine Kolonne gebildet, wir konnten also nicht mehr zurückfahren. Wir drückten den Hilfe-Knopf an der Säule und da kam auch schon ein Japaner in Uniform, mit Helm und Leuchtstange ausgerüstet, herbeigerannt und rief: ¨ETC-Karte, ETC-Karte?¨. Wir konnten zum Glück auch in bar bezahlen. In Indien wäre bereits ein ohrenbetäubendes Hupkonzert losgegangen, doch hier wartete die ganze Kolonne hinter uns geduldig, bis wir unser Münz herausgekramt und bezahlt hatten.

Bis wir Kagoshima, in einer Bucht im Süden der Insel gelegen, erreicht hatten, zeigte sich tatsächlich die Sonne mal wieder. So konnten wir einen Blick auf den aktiven Vulkan, weswegen Kagoshima bekannt ist, erhaschen bevor dieser wieder in den Wolken verschwand.

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Das letzte Samurai Schloss in Kumamoto

In Kumamoto statteten wir dem letzten Samurai Schloss einen Besuch ab.

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DSC03144 Wir mussten schmunzeln, als wir die japanischen Touristen staunend vor der rekonstruierten Küche aus der Samurai-Zeit sahen. Sah es doch hier aus wie im Yoshimizu Guesthouse, wo wir zu Beginn unserer Japan-Reise gearbeitet hatten: Vom traditionellen Reiskocher über dem Feuer bis zum Grill im Wohnzimmer. Langsam wurde uns richtig bewusst, welches Glück wir gehabt hatten, dies alles im Yoshimizu zu erleben. Dies scheint im heutigen modernen Japan wirklich eine Rarität zu sein.

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und Burgfräulein Karin mit dem Schlossmaskottchen.

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Nagasaki – entspannte Hafenstadt mit Flair

Nachdem wir unser Auto sicher wieder in Fukuoka abgegeben hatten, machten wir uns mit dem Bus auf nach Nagasaki. Bus fahren ist hier in Japan denkbar einfach, komfortabel und selbstverständlich perfekt organisiert.

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Nagasaki gefiel uns auf Anhieb. Es ist eine lebhafte, vielseitige Stadt, doch mit einem entspannten Flair.

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Zu Fuss erkundeten wir die spannende Stadt und praktischerweise hatte das Tourismusbüro gerade eine 50% Aktion für alli Attraktionen der Stadt nur für ausländischen Touristen lanciert :-) . Im Quartier Dejima herrscht europäisches Flair. In früheren Zeiten, als sich Japan der Welt komplett verschloss, war Nagasaki der einzige Zugang von Japan zur Aussenwelt. Nur den Portugiesen und später den Holländern wurde erlaubt, Handel mit den Japanern zu betreiben. Doch die Japaner wollten die Europäer dennoch nicht im Land haben und fürchteten die Ausbreitung des Christentums in Japan. Entsprechend wurde den Holländern für den Handel eine aufgeschüttete Insel, das Dejima Quartier, im Hafen von Nagasaki zur Verfügung gestellt, welche sie nur mit Erlaubnis verlassen durften. War die Insel früher noch im Meer gelegen, so ist Dejima heute ein Teil der Stadt und ringsherum befinden sich Häuser.

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Auch über viele Tempelanlagen und Shrines verfügt die Stadt.

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Plüsch-Pandas, Glückskekse und chinesische Restaurants findet man im China Town.

DSC03193 Auch Nagasaki hat eine traurige Vergangenheit. Explodierte hier 1945 genau über der grössten christlichen Kirche von Asien, die zweite Atombombe.

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Nachtessen mit Aussicht!

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Am Abend konnten wir das Lichermeer der Stadt von einem Aussichtsberg aus geniessen. Diese Aussicht auf die Stadt, die Hügel rundherum, das Meer und die beleuteten Schiffe wurde zu den drei schönsten nächtlichen Aussichten gewählt, nebst Monaco und Hong Kong.

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Früchtestände, kleine Cafes und Bäckereien gab es im herzigen Gässchen hinter unserem Hostel.

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Ein bisschen Heimat in der Ferne.

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Die Augen so manches Japaners und mancher Japanerin haben bereits gestrahlt, als sie gehört haben, dass wir aus der Schweiz sind. Und etwas kennen sie alle von der Schweiz. Das Heidi! Zu Beginn haben wir noch etwas gestaunt, als uns ein Japaner erzählt hat, er sei nur an einem Ort in der Schweiz gewesen – Maienfeld. Mit glänzenden Äuglein hat er dann hinzugefügt ¨Dort lebt das Heidi!¨ :-) . Die gängigen Clichés wie Toblerone, Käse und Uhren sind den Japanern natürlich ebenfalls weitgehend bekannt.

Nach ein paar sehr schönen Tagen in Nagasaki hiess es schon wieder Abschied nehmen, doch wir waren darüber nicht traurig, hatten wir doch die besten Aussichten! Unser nächstes Ziel? Die südlichen Inseln von Japan! Wer hätte gedacht, dass wir in Japan auch türkisfarbenes Meer und Traumstrände finden würden?

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