Mit Flugzeug, Bus und Tuktuk führte unsere Reise vom modernen und künstlichen Singapur durch die chaotische und laute Hauptstadt Kambodschas, Phnom Penh, ins kleine Dörfchen Chiro. Nein, in diesem Dorf ist nicht eine der Hauptattraktionen Kambodschas zu finden, wir kennen auch keinen Auswanderer, den wir hier besuchen möchten und es ist auch keine Stranddestination für ein paar Badetage. Ja, was machen wir dann hier mitten im laendlichen Kambodscha?
Hier werden wir die nächsten Wochen den einheimischen Kindern und Jugendlichen, welche grösstenteils aus armen Bauernfamilien stammen, Englisch unterrichten. Somit lernen wir das echte Leben auf dem Land in Kambodscha kennen und tun erst noch etwas Gutes. Den Gedanken, auf dieser Weltreise als Volunteer Freiwilligenarbeit zu leisten und ein Projekt in einem Entwicklungsland zu unterstützen, haben wir schon seit Beginn der Reise. Wir wollten uns dabei jedoch nicht an eine der vielen Agenturen, bei welchen man einen Haufen Geld bezahlt, um dann kostenlos Freiwilligenarbeit zu leisten (und das Geld kommt dann natuerlich nicht den Einheimischen, sondern der Vermittlungsagentur zu gute), vermitteln lassen. So haben wir uns selbst auf die Suche gemacht, verschiedene Projekte angeschrieben und uns schlussendlich fuer die OBT (Organization for basic training = Organisation fuer Grundausbildung), welche von einem Kambodschaner gegruendet und gefuehrt wird, entschieden. Das Hauptanliegen der Organisation ist es, den Kindern und Jugendlichen des Dorfes kostenlose Englischstunden anzubieten und ihnen damit bessere Zukunftschancen zu verschaffen. Aussserdem realisiert die Organisation auch andere Projekte, wie kostenlose traditionelle Khmer Tanz und Musikstunden.
Die holprige Busfahrt von Phnom Penh in den Osten des Landes hatten wir überstanden, der Zvierihalt, bei welchem wir saftige Ananas und unsere kambodschanischen Mitreisenden frittierte Riesenspinnen genossen hatten, lag hinter uns und nun holperte unser Tuktuk die letzten paar Kilometer bis ins Dörfchen Chiro. Wir fühlten uns wie Superstars – von überall rief es ¨Hello, hello¨, Frauen winkten vom Strassenrand und Kinder rannten neben dem Tuktuk her.
Im Dörfchen Chiro angekommen, stand unsere Gastmutter in einem pinkigen Nachthemd bis zu den Waden im Schlamm in ihrem Garten, doch als sie uns sah, eilte sie sogleich mit offenen Armen herbei und drückte uns erst einmal an ihre Brust. Unterdessen kamen schon die ersten Kinder angerannt, umarmten uns, wollten dass wir Sie tragen oder mit ihnen spielen. Wow, was für eine Begrüssung und nur ein Vorgeschmack auf das, was noch kommen wird.

Das Haus unserer Gastfamilie, im traditionellen Stil gebaut, liegt mitten im Dorf und gehoert zu den schoensten und groessten des Dorfes.
Wir bezogen unser einfaches Zimmer im grossen und luftigen Holzhaus der Gastfamilie. Eine moderne Klimaanlage gibt es hier natuerlich nicht, doch der traditionelle Baustil sorgt fuer eine natuerliche Belueftung durch den Bambusboden (zwischen den Bambusstangen gibt es jeweils einen kleinen Abstand, durch welchen immer etwas Luft von unten hereinkommt). Waehrend wir unser eigenes Zimmer hatten, dienten der Familie drei Betten im geraeumigen Hauptraum des Hauses als Schlafstelle. Etwas wenig Privatsphaere meint ihr? Nun ja, zu diesem Thema haben die Kambodschaner eine etwas andere Einstellung als wir Europaer, doch dazu spaeter mehr.
Zu unserer Gastfamilie gehoert nicht nur die Mutter Sokal und ihrer ruhiger, doch sehr freundlicher Mann, sondern auch ihre acht Kinder und mehrere Enkelkinder. Zu Hause wohnen jedoch nur noch der Sohn im Teenageralter in den Semesterferien, die Tochter im Teenageralter (sie muss den Haushalt schmeissen bis sie dann in einer arrangierten Ehe verheiratet wird), die juengsten beiden Soehne und die rund 7-jaehrige Palika (wie alt jemand ist, wissen hier meist nicht einmal die Eltern genau). Wer mit wem in welchem Verhaeltnis steht und wie verwandt ist, war fuer uns etwas verwirrend, ist doch das halbe Dorf miteinander verwandt. Doch wie wir herausfanden, ist Palika eines der Enkelkinder unserer Gasteltern. Sie wohnt bei den Grosseltern, da ihre Mutter, welche sie in den letzten 7 Jahren erst ein Mal besucht hat, in Vietnam arbeitet. Hier ist es selbstverständlich, dass sich die Familie und das ganze Dorf um die Kinder kümmert.
Am Dorfstand gegenueber des Hauses hiessen die Einheimischen uns sogleich willkommen, plauderten auf Khmer mit uns und boten uns seltsam schmeckende Fruechte an. Waehrend Karin nur einen Bissen herunterwuergte und dann jeglichen Nachschlag dankend ablehnte, griff Christian herzhaft zu – sehr zur Belustigung der einheimischen Frauen. Sie lachten laut heraus und erklaerten uns dann mit Haenden und Fuessen, dass hier in Kambodscha nur schwangere Frauen diese Fruechte essen
Eine etwas andere Schule als in der Schweiz. Doch als Christian die vor dem Schulhaus grasenden Kuehe sah, fuehlte er sich (fast) wie zu Hause in Langwies.
Von innen sah es dann allerdings etwas anders aus…
Dies ist uebrigens die Schule des OBT fuer den Englischunterricht und nicht die “normale”, oeffentliche Schule. Normalerweise gehen die Kinder am Vormittag in die allgemeine Schule und dann am Nachmittag freiwillig noch in den kostenlosen Englischunterricht im OBT. Eigentlich haette die oeffentliche Schule nach der langen Sommerpause auch bereits im September wieder beginnen sollen, doch aus unbekannten Gruenden war der Schulstart um ueber einen Monat verschoben worden. Fuer uns unvorstellbar, fuer die Kambodschaner ganz normal. Das kambodschanische Bildungssystem ist zum Aerger vieler grauenhaft. Es kommt haeufig vor, dass waehrend dem Jahr die Schulen ihre Tore – manchmal fuer Wochen – einfach schliessen. Der Englischunterricht im OBT wird hingegen von Montag bis Freitag immer angeboten und die Kinder sind mit Feuereifer dabei. Wir waren an einem Freitag angekommen und so konnten wir uns noch ein Wochenende lang eingewoehnen, bevor wir dann am Montag selbst vor einer Klasse stehen wuerden.
Im Moment (Anfang Oktober) ist das Ende der Regenzeit hier in Kambodscha. Doch seit einigen Tagen hatte es nicht mehr geregnet, was gemaess den Einheimischen unueblich fuer diese Zeit ist und eine grosse Hitze zur Folge hatte. Und so kaempfte Karin dann auch in den ersten Tagen mit starken Kopfschmerzen, leichtem Fieber und Uebelkeit als Folge der, nach dem Herbst in Japan, ungewohnten Hitze. Doch nach einem gemuetlichen Wochenende hatte sich auch Karin “anklimatisiert” und die Hitze machte ihr fortan sogar weniger aus als Christian.
Und am Montag Nachmittag standen wir dann vor unserer ersten kambodschanischen Schulklasse. Nachdem wir die steile Holztreppe zu unserem aus Bambus gezimmerten Schulzimmer hinaufgestiegen waren…
… und durch die Tuere traten, sprangen alle sogleich auf die Fuesse und es schmetterte uns ein “Good afternoon teacher!” (“Guten Nachmittag Lehrer”) im Chor entgegen. Wir, etwas erstaunt ueber so eine militaerische Begruessung, gruessten zurueck, worauf der Chor erwiderte “Thank you teacher!”. Wir starteten mit unserem Programm – doch Moment mal, wieso stehen die alle noch? Erst nach einem “bitte setzt euch hin” von unserer Seite, sassen alle wieder auf ihren wackligen Schulbaenken.
“Wer ist der Typ im blauen Shirt, der da mit mir im Schulzimmer steht?” fragte sich Karin nach der Haelfte der Stunde. Habt ihr euren Partner schon einmal live in seinem Beruf erlebt? Christian ist mit Leib und Seele Lehrer und in dieser Rolle fuer Karin doch so ganz anders als ihr privater Christian. Was umgekehrt wahrscheinlich auch der Fall waere, nur war Christian noch nie an einem von Karins Geschaeftsmeetings dabei. Wir mussten uns zuerst etwas einspielen als “Lehrerteam”. Doch wir nahmen es gelassen und sahen die Vorteile wenn man zu zweit im Klassenzimmer steht: Was wuerdet ihr zum Beispiel machen wenn eure Schueler den Begriff “tanzen”nicht verstehen? Wir legten spontan ein Taenzchen aufs Parkett bzw. den Bambusboden, sehr zur Belustigung unserer Schueler natuerlich.
Wir unterrichteten jeden Nachmittag zwei Klassen, Anfaenger Niveau A mit Schülern zwischen 8 – 10 Jahren:
und Anfaenger Niveau B mit Schülern zwischen 9 und 13 Jahren.
Die erste Klasse konnte auf Englisch gerade einmal fragen “Was ist dein Name”und “Wie alt bist du”, die zweite kannte noch 10 Woerter mehr, sprich bei beiden war das Niveau sehr tief. Dazu kommt eine weitere Schwierigkeit, welche man sich beim Unterrichten im Heimatland nie ueberlegt: Die Schueler reden natuerlich nur Khmer und verstehen somit kein Wort, wenn wir etwas erklaeren wollten, zum Beispiel ein Spiel. Da ist Erfindergeist gefragt, doch mit Fantasie, Haenden & Fuessen laesst sich auch das meistern.
Als wir mit unserer einen Klasse verschiedene Aktivitaeten lernten, so hatten die Schueler ein grosses Fragezeichen auf dem Gesicht, als wir den Begriff “surfen”erklaerten. So sprang Christian kurzerhand auf einen der vorderen Pulte und imitierte einen Surfer, stuerzte jedoch kurz darauf mit einer Schramme am Kopf zu Boden. Tja, er hatte den grossen Ventilator an der Decke uebersehen und dieser traf ihn promt direkt am Kopf
Die Kinder schauten zuerst erschrocken und kicherten verstohlen (den Lehrer auszulachen, trauten sie sich definitiv nicht). Doch als sie sahen, wie sich Karin mit Traenen in den Augen vor lachen bereits kruemmte, stimmten auch unsere Schueler mit ein.
Wir hatten einen riesigen Plausch beim Unterrichten! Die Kinder und Jugendlichen waren wahnsinnig wiessbegierig, motiviert und so gluecklich etwas lernen zu duerfen. In den kambodschanischen Schulen gibt es anscheinend nur eine Unterrichtsmethode: Der Lehrer schreibt etwas and die Tafel, die Schueler schreiben es ab und wiederholen die Woerter im Chor. Wir unterrichteten da natuerlich ganz anders und die Kinder waren mit Feuereifer dabei!

Alle Leute im Dorf waren von Anfang an sehr herzlich – nicht selten wurden wir einfach so umarmt auf der Strasse – da machten auch ein paar Verstaendigungsschwierigkeiten nichts aus. Und notfalls holten die Frauen und Maenner ihre Kinder herbei und diese uebersetzten. Die Gemeindschaft ist in Kambodscha sehr wichtig, man geht bei den Nachbarn ein und aus als waere es das eigene Haus (schnell beim Nachbarn Fernseh schauen? Kein Problem.), man isst / plaudert/ arbeitet, waescht die Haare etc. – zusammen.
Die meisten der Dorfbewohner sind Bauern und bewirtschaften mit einfachen Hilfsmitteln ihre Felder.
Unsere Gastfamilie beim Vorbereiten unseres Znachts, dabei hilft auch das Nachbarmaedchen Poliap mit:
Es war sehr schoen zu sehen, wie intakt hier die Dorfgemeindschaft noch ist. Viele Junge wollen nach einer Ausbildung in der Stadt wieder ins Dorf zurueckkehren und suchen in der Naehe nach einer Arbeit.
Als wir einmal eine Fahrradtour machen wollten, kam schlussendlich das halbe Dorf mit. In Windeseile hatte sich die Nachricht im Dorf verbreitet und so kamen immer mehr Kinder, welche irgendwo ein rostiges Fahrrad hatten auftreiben können, herbei. Diejenigen ohne Fahrrad rannten nebenher und spekulierten auf einen Platz auf dem Gepäckträger. Schlussendlich konnten alle irgendwo untergebracht werden und es konnte losgehen über die Naturstrasse durch die Dörfer, vorbei am Tempel und Reisfeldern,
und auch eine Überfahrt mit der ¨Fähre¨ auf eine im Mekong gelegene Insel durfte gemäss den Kindern auf keinen Fall fehlen.
Auch Sony, ein Lehrer der ersten Stunde im Projekt, lud uns zu einem Ausflug ein. Sony, der immer lächelte und von sich in der dritten Person sprach, gehoert im buddhistischen Kambodscha als Moslem zur Minderheit. Nachdem er sich bei uns zu Beginn schon mit den Worten ¨Ich bin Sony und ein Moslem¨ vorgestellt hatte, wollte er uns nun sein muslimisches Dorf, unweit von Chiro gelegen, vorstellen. Auch einige unserer Schueler stammen aus diesem Dorf. Nachdem wir seine Familie, die muslimische Schule und die Moschee gesehen hatten, radelten wir mit ihm in ein anderes Dorf. Da es letzte Nacht stark geregnet hatte, wurde die Fahrradtour allerdings zur Schlammschlacht. Doch wir wurden für die Strapazen belohnt! In einem ebenfalls muslimischen Dorf direkt an einem See gelegen, erhielten wir einen Einblick ins Leben der hier lebenden Fischer.
Traditionellerweise sind übrigens in Kambodscha die Fischer alle Moslem. Als Christian unserer Gastmutter mal versuchte zu erklären was das englische Wort ¨fisherman¨ (=Fischer) bedeutet, sagte diese plötzlich ¨ Ah, fisherman = Moslem! ¨. Natürlich, wieso haben wir es nicht gleich so erklärt
Auf diesem kleinen ¨Hausboot¨ lebt diese Frau zusammen mit ihrem Ehemann mitten im See gelegen und geht von hier aus dem Tagesgeschaeft – fischen – nach.
Auch Christian versuchte sich als Fischer und half den mageren Fang einzuholen.
Um uns die schlammige Rückfahrt mit dem Fahrrad zu ersparen, brachte uns ein Fischer mit seinem Boot anschliessend ans andere Ufer, von wo aus es ein Katzensprung zurück zu Sonys Haus war.
Mmmh, und da wartete Sonys Frau auch bereits mit dem Zmittag auf uns: Reis, Fisch, Gurken, Drachenfrucht und Litchi.
Neben unseren zwei Schulstunden mit den Kindern unterrichte Christian auch noch die jungen, einheimischen Lehrerinnen, welche die Englischklassen unterrichten wenn keine ausländischen Volunteers da sind. Die Lehrerinnen stammen allesamt aus dem Dorf, haben teilweise selbst im OBT Englisch gelernt und sind erst zwischen 16 und 20 Jahren alt. Von Methodik und Pädagogik haben sie natürlich keine Ahnung, haben doch auch sie während ihrer Schulzeit in Kambodscha nur abschreiben und repetieren als Methode gelernt. So kamen Tipps und Tricks vom Fachmann gerade richtig. Und noch ein anderes Projekt ging Christian im Chiro Dorf mit grossem Elan an: Zähne putzen! Als kambodschanische Version des Schweizer ¨Zahnfräuleins¨, welche jeweils die Schulen besucht, brachte er den Kindern das Zähne putzen und dessen Wichtigkeit bei.
Es ist uns rasch aufgefallen, dass viele Kinder im Dorf über schlechte, ja vielfach verfaulte Zähne verfügen. Kein Wunder, naschen die Kinder doch sehr häufig oder schlürfen zuckrige Getränke, doch Zähne putzen tut fast niemand. Als Christian in der Bibliothek einen Haufen nigelnagelneuer Zahnbürsten und Zahnpaste (diese waren von einer Zahnklinik gespendet worden) fand, war das Projekt ¨Christians Zahnmission¨ geboren. Der Direktor war darüber sehr erfeut, wand jedoch gleich ein, dass sie das Ziel ¨Jedes Kind sollte 1 Mal pro Woche die Zähne putzen¨ bereits einmal versucht hatten umzusetzen, es jedoch hatten abbrechen müssen. Die Frage ¨Wo werden die Zahnbürsten gelagert?¨ hätten sie einfach nicht lösen können. Nun daran sollte es ja wohl nicht scheitern. Und auch die richtige Technik des Zähne putzens lehrte Christian den Kindern. Ob er zurück in der Schweiz doch eine Weiterbildung in diese Richtung machen sollte
?
Karin versuchte währenddessen ein anderes Projekt der Organisation, nämlich die Vermarktung der Homestays, voranzutreiben. Was nicht so einfach war, denn hier zeigte sich einmal mehr, wie unterschiedlich doch unsere Denkweise von der kambodschanischen ist. Wir hätten wahrscheinlich mal ein Haus zur Vermietung gebaut, dieses im Internet beworben und wenn die Nachfrage von Touristen genügend gross gewesen wäre, nach einer Weile ein weiteres Haus gebaut.
Doch hier baute Sophal, der Direktor und Leiter von OBT, mit Einheimischen drei Häuser aufs Mal, ohne sich jedoch Gedanken darüber zu machen, wie die Nachfrage aussehen wird und woher er Gäste haben wird. Sophal klar zu machen, dass man die drei Häuser bereits bewerben und im Internet buchbar machen kann, auch wenn der letzte Nagel noch nicht ins Treppengeländer des dritten Hauses (die zwei anderen Häuser sind übrigens schon seit Monaten fertig und könnten längst vermietet werden…) geschlagen ist, war ein Ding der Unmöglichkeit. Die Leute hier leben von Tag zu Tag, Weitblick fehlt vielen. Und so feilte er tagelang am Treppengeländer und erst als er ein paar Tage bevor wir abreisten fertig war, war er bereit sich mit der Vermietung der drei Haeuser zu beschaeftigen. Karin, ueberzeugt vom Potential (wir wissen ja nun selbst, wie schoen und authentisch ein Aufenthalt im Chiro Dorf ist – davon waeren sicherlich viele Touristen begeistert), machte sich sogleich an die Arbeit, um das Ganze in der kurzen Zeit vor unserer Abreise noch aufzubauen. Doch diese Zielorentierung mangelte Sophal: Auf der Suche nach Fotos, um das Angebot im Internet zu bewerben, zum Beispiel stiess Sophal auf seine Hochzeitsfotos, welche er zuerst einmal alle anschauen musste, sah dann auf einem einen Kollegen, welchen er unbedingt sofort anrufen musste und natuerlich meinte der Kollege “Komm doch heute noch vorbei!”was Sophal natuerlich unbedingt machen musste. Und ueber die Preise wollte er ohnehin nochmals eine Nacht schlafen bis er sich entschied und nochmals…..und so blieben die fixfertigen Haeuser weiter leer und die Organisation ohne Einnahmen. Was aus Schweizer Sicht bei dieser Arbeitsweise nicht erstaunlich ist. Organisationstalent und Vorausdenken sind definitiv nicht die Staerken der Kambodschaner, Gemeindschaftssinn und Spontanitaet dafuer schon.
Wir waren in Chiro mitten im Dorfgeschehen und in die Gemeindschaft integriert. So waren wir denn auch nicht die Englischlehrer, welche fuer zwei Stunden unterrichten und sich dann wieder ihren privaten Sachen widmeten, sondern vom Aufstehen bis zum Schlafen mitten im Leben Chiros. Wir spielten mit den Kindern, setzten uns mit den Alten an den Dorfstand und beobachteten das Geschehen, wir halfen mit, wir spazierten durchs Dorf und wurden überall freundlich begrüsst und als eine Familie im Dorf die Verlobung ihrer Tochter feierte, war es selbstverständlich, dass wir zum Zmittag eingeladen wurden.
Der Tag in Chiro beginnt früh! Um 4 Uhr morgens beginnen die Ersten aufzustehen und vorausgesetzt dass es Strom hat, stellt spätestens um 4.30 Uhr jemand das Radio in maximaler Lautstärke ein, so dass das ganze Dorf beschallt wird. Wir genossen das Aufwachen und lauschten den Geräuschen, welche vom Dorf durch die dünnen Bambuswände in unser Zimmers drangen. Zum Frühstück traf sich dann fast das ganze Dorf an einem Essensstand, wir natürlich auch.
Je nach Uhrzeit gab es hier zum Fruehstueck wässrige Reis-Porridge mit Fleisch, Nudelsuppe mit Gemüse (Karins Favoritenmenu – da machten auch die paar Ameisen, die in der Suppe schwammen, nichts) oder süsses Brot (Christians Wahl). Kam man hingegen nach 7 Uhr, so gab es meist gar nichts mehr.
Der Dorfstand, der uebrigens einer der vielen Schwestern unserer Gastmutter gehörte, war aber auch während des Tages Treffpunkt fürs Dorf. Neben Snacks und zuckersüssen Getränken wurden hier auch mal frittierte Bananen oder Bananenkuchen (das waren Karins Lieblingstage
) verkauft. Bananenkuchen sind hier mit Kokosnussreis umwickelte Bananen, welche in einem Bananenblatt eingewickelt für Stunden aufs Feuer gelegt wird. Mmmmh! Doch was auch immer die Standbesitzerin in welcher Quantität herstellte, wurde von den Dorfbewohnern innert ein paar Stunden gekauft. Ein Traum für jeden Ladenbesitzer.
Aber nicht nur am Dorfstand konnte man Snacks kaufen, es kamen auch taeglich Verkaeufer auf ihren Mopeds vorbei, sei es der Baecker oder der Eismann. Dieser positionierte sich jeweils taktisch clever vor Schulanfang direkt vor dem Schulhaus:
Fuer groessere Anschaffungen mussten die Dorfbewohner ebenfalls nicht unbedingt in die Stadt fahren, denn auch Blumentoepfe, Decken und Matratzen wurden von den Verkaeufern per Moped ins Dorf gebracht.
Die Kinder von Chiro sind enthusiastisch dabei wenn es um kambodschanischen Tanz und Musik geht. Jeden Morgen trifft sich ein grosse Gruppe Kinder und uebt Tänze sowie das Spielen der traditionellen Musikinstrumente. Die Trommelgruppe der Knaben wird von einem engagierten einheimischen Teenager angeführt.
Die Mädchen widmen sich mehr den traditionellen Tänzen.
Die OBT Schule wird grösstenteils durch die Einnahmen der Schüler mit Musik- und Tanzvorführungen finanziert. Was für eine andere Welt: Vom einfachen Leben Chiros auf die schicken Mekong-Schiffe, welche in nahe gelegenen Städten anlegen. Christian begleitete eine Schülergruppe zu einer Aufführung.
Weil die Strasse aufgrund der Regenfälle für Busse nicht mehr passierbar war, ging es zu Fuss weiter.
Die wohlhabenden Gäste der Schiffe spendeten gerne 50 oder auch 100 USD. ¨Wohltätigkeit ist ja so wichtig¨ meinte eine der australischen Gäste nach der Aufführung zu Christian und wandte sich dann gleich wieder ihrem 20-Fränkigen Cocktail zu.
Die Meinungen sind geteilt was die Vorfuehrungen betrifft, doch zu bedenken gilt es, dass sich die Organisation irgendwie finanzieren muss. Wir waren auf jeden Fall erleichtert, als wir sahen, dass die Kinder die Vorfuehrungen lieben und in ihrer Freizeit sogar eigenstaendig dafuer proben.
Auch ein Hotel aus der Hauptstadt Phnom Penh wollte der Schule etwas spenden und rueckte gleich mitsamt Direktor, Marketingverantwortlichen und Presseleuten an. “Das sind so gute Menschen, dass sie uns Schulhefte schenken wollen!”, sagte uns eine der Assistenzlehrerinnen strahlend und mit fast kindlicher Naivitaet. Wir sahen das Ganze etwas realistischer. Die Truppe aus Phnom Penh, welche teilweise mit hohen Schuhen und Minirock ueber den schlammigen Boden stoeckelte, war dann auch nur so lange an den Kindern interessiert bis sie gute Bilder im Kasten hatten, welche sicher sogleich via Facebook, Twitter und auf der Unternehmenswebsite sichtbar waren, im Sinn von “Schaut mal, wir sind ja so ein soziales Unternehmen!”. Der Direktor des Hotels spendete Glace fuer alle Kinder – und schnappte sich gleich eines der juengeren Kinder fuer ein gutes Foto. Laesst sich sicherlich gut vermarkten. Die Einheimischen betrachteten das Spektakel freudig, wir skeptisch und auch der Hauptverantwortliche der Schule, Herr T., stand dem Theater mit gemischten Gefuehlen gegenueber.
Das Mittag- und Abendessen nahmen wir jeweils zusammen mit unserer Gastfamilie, Sophal sowie den anderen beiden Volunteers (Matt aus Australien und Anni aus den USA) ein. Ein typisches Menu sah so aus: Reis, Fleisch mit Gemuese oder Fisch in allen Variationen, Gurken und eine scharfe (doch koestliche) Chilisauce. Die Kambodschaner essen den Fisch uebrigens mit allem, inklusive der kleineren Graete (darauf beissen sie einfach herum bis sie diese schlucken koennen). Auch der Fischkopf ist heiss begehrt und wird komplett verspeist, wir ueberliessen diesen jeweils sehr gerne unserer Gastfamilie. Hier sind wir mit Anni beim Nachtessen und auch die Katzen sind bereits in Lauerstellung auf einen Happen Reis und Fisch:
Gegessen wird traditionell auf dem Bambusboden im Hauptraum des Hauses, wo sich das taegliche Leben abspielt. Wie in unserem Zimmer verfuegt der Bambusboden auch hier ueber keine Zwischenraeume zur Belueftung. Vorteil: Broesmeli kann man einfach zwischen den Abstaenden herunterdruecken, die Huehner warten bei diesem auf Stelzen gebauten Haus bereits drunter auf Futter. Nachteil: Die Moskitos attackieren einem nicht nur von oben, sondern operieren auch aus dem “Untergrund”…
Bei den Kambodschanern ist essen uebrigens mehr eine Pflichtuebung. Es setzen sich nicht alle gemeinsam zum Nachtessen hin, niemand lobt die Koechin fuer ihre stundenlangen Muehen beim Kochen des Essens ueber dem Feuer und man plaudert auch nicht zusammen. Jeder kommt und geht wie er will, man stopft das Essen im Rekordtempo hinein und hat es Strom, verzieht sich oftmals die ganze Familie vor den Fernseher. Sophal erklaerte uns mal, dass es fuer sie sehr seltsam sei, dass die Westler waehrend dem Essen miteinander plaudern. Essen sei bei ihnen essen, reden koenne man ja sonst irgendwann. Und so sassen meist wir vier Volunteers noch gemeinsam am Boden beim Essen waehrend die Familie bereits in Windeseile gegessen und sich anschliessend wieder dem Fernseher, der Stickerei oder den Nachbarn zugewandt hatte. Andere Laender, andere Sitten.
Auch ausserhalb der Schulstunden wurde uns nie langweilig, sei es beim Fussball spielen,
(im Regen machte es noch viel mehr Spass
)
oder beim Malen und Spielen mit den Kindern.
Hier haben die Buben ihre helle Freude daran, Karins Haare mit Blumen zu verschoenern.
Auch private Englischlektionen gaben wir gerne, wie auf dem Foto unserer Gastmutter Sokal.
Auch ausserhalb der Schule waren vor allem die Kinder sehr interessiert am Englisch lernen. Wenn wir unsere Schulstunden auf dem Balkon vorbereiteten, hatten wir bald eine ganze Truppe neugieriger Kinder um uns herum.
Aber auch Zeit sich in der Haengematte zu entspannen gab es (meist dauerte es allerdings nicht lange, bis man nicht mehr alleine war). Hier geniesst Anni etwas Erholung von ihrem Projekt zur Umsetzung eines Gemuesegartens und Komposts fuers Dorf:
Es verging kein Tag, an dem nicht jemand herangerannt kam und uns umarmte. Sei es die Besitzerin des Dorfstandes oder eines der Kinder.
Poliap, das Maedchen mit den strahlendsten Augen der Welt, war unser Liebling im Dorf. Sie redete wenig, doch wenn sie einem anschaute und laechelte, war der Tag bereits perfekt.
Wir fuehlten uns sehr wohl in Chiro und genossen das Dorfleben sowie das Zusammensein mit den Dorfbewohnern. Doch irgendwann rueckte auch hier unser Abschied naeher. Als wir unseren Schuelern mitteilten, dass dies die letzte Schulstunde mit uns gewesen war, begannen einige zu weinen, andere sprangen spontan auf und umarmten uns. Und auch wir waren traurig. Dieser Enthusiasmus der Kinder beim Lernen, ihre Neugierde und Herzlichkeit hatten uns das Unterrichten hier zu einer wunderschoenen Aufgabe gemacht.
Dass wir am Sonntag, an welchem das halbe Dorf einen Ausflug zu einer Pagoda machte (was natuerlich erst zwei Tage vorher entschieden wurde), abreisen wollten, kam fuer unsere Gastfamilie nicht in Frage. Unsere Gastmutter Sokal laechelte erst wieder, als wir die Abreise um einen weiteren Tag verschoben und zum Tempelfest mitkamen.
Pro Sitz eine Person? Nicht hier in Kambodscha. Die Dorfbewohner hatten einen Minibus gemietet, in welchen sich nun ueber 30ig Personen zu quetschen hatten. Die 3-stuendige Fahrt in der Hitze ueber holprige Naturstrassen bis zum Fest war dann auch kein sonderliches Vergnuegen.
Im Dorf, in welchem das Fest stattfand, war man hocherfreut ueber unseren Besuch. Jeder wollte uns Auslaender begruessen und willkommen heissen, vom Moench ueber den Polizeikommandant bis zum Buergermeister.
Wir erwarteten stundenlange Zeremonien, immerhin ist es eines der wichtigsten Feste, doch weit gefehlt! Die Prozession, angefuehrt von den Kindern des Chiro-Dorfes mit ihren Taenzen, umkreiste die Pagoda (Tempel) ein paar Mal, dann setzten sich alle zum kostenlosen Festschmaus nieder. Typisch kambodschanisch, war das Essen in 4 Minuten heruntergewuergt, dann wurde fuer die Moenche eine Spende abgegeben und schon fuhr unser ganzes Dorf wieder ab,
und zwar in das naechste Dorf, wo es dann gleich Zmittag gab (wir hatten ja schon so lange nichts mehr gegessen.. ). Den Nachmittag verbrachten dann alle bei irgendjemandem zu Hause (der Besitzer war zwar nicht zu Hause, doch jemand hatte gekocht und die Einheimischen des Chiro Dorfes duschten oder lagen in der Haengematte, ganz nach dem Motto “Dein Haus ist auch mein Haus”) in einem huebschen Dorf.
Bei dieser Hitze muss man natuerlich auch viel trinken
Gegen Abend ging es dann mit dem vollgestopften Bus wieder zurueck und alle waren gluecklich und muede nach dem gemeinsamen Dorfausflug.
Und dann war es so weit, wir packten unsere Rucksaecke und verabschiedeten uns schweren Herzens von den Dorfbewohnern. Wir wurden umarmt, gedrueckt und einige Kinder rannten uns nach, als das Motorrad losfuhr. Wir hatten das grosse Glueck, hier im Chiro Dorf einen fantastischen Einblick ins Leben der Einheimischen zu bekommen und so viele herzliche und liebevollen Menschen kennenzulernen und dafuer sind wir sehr dankbar. Die Menschen hier leben einfach, besitzen materiell gesehen wenig, aber sie haben das Wichtigste auf der Welt – eine herzliche Gemeindschaft und Menschen, die sie lieben. Wie oft verliert man das in der wohlhabenden Schweiz, in welcher so viele nach immer mehr und mehr streben, doch aus den Augen. Wie oft wird bei uns gejammert, obwohl es uns doch so gut geht in der schoenen, sicheren Schweiz.
Ein letzter Blick zurueck, auf die einfachen Haeuser und dann direkt in Poliaps strahlende Augen – und wir mussten laecheln. Wir sind sehr gluecklich ueber die Erfahrungen und Begegnungen waehrend unserer Weltreise, doch uebergluecklich werden wir erst sein wenn wir wieder in der Schweiz bei all unseren Lieben sind.







































Ach… do kömmend eim mit lesa jo fascht selber d’Tränli. Schön, was iar alles so erleba töffend. Freut mi uh für eu. Aber jetzt, wo i weiss, wenn iar heikömmend han i a uuuuuh Vorfreud in miar! Kann’s kuuuuum erwarta, dass i di Karin schu baaald au endli mol wieder fescht trucka kann! Uf bald und gnüssends in Sri Lanka!
Take care
Grüassli us dr verschneita, kalta Schwiz