Einfaches, eindrückliches Trekkingleben

Heute sollte unser erster Trek in Ladakh starten, worauf wir uns sehr freuten. Waren wir doch schon gespannt darauf, Ladakh ausserhalb des Hauptortes Leh zu erleben. Einen Teil unseres Gepäcks liessen wir im Guesthouse zurück und machten uns mit leichterem Rucksack (jedoch mit genügend warmen Sachen drin – hatten wir doch die letzten Tage in Leh nach dem warmen Bali ziemlich geschlottert) auf den Weg. Auch das bestellte Jeep Taxi stand schon vor dem Guesthouse bereit, es konnte also losgehen. Zuerst musste einer der herumstehenden Männer unserem ¨Fahrer¨ noch zeigen wie man anfährt. Als es nach dem vierten Versuch endlich klappte mit anfahren, brausten wir mit unserem älteren Chauffeur los. Auf den ersten hundert Metern durch die Stadt rasierte er dann schon einem stehenden Fahrzeug den Seitenspiegel ab. Doch er liess sich weder von den wütend brüllenden Autobesitzern noch von den hupenden Autos um uns herum aus der Ruhe bringen. Wahrscheinlich fuhr er nicht nur das erste Mal in seinem Leben Auto, sondern sah und hörte auch nicht mehr so gut. Flugs ging es weiter aus der Stadt heraus, vorbei an Stacheldrahtzäunen und einem Militärstützpunkt nach dem anderen während mehreren Kilometern. Wir kamen uns vor wie im Kriegsgebiet, doch angesichts der Geschichte Ladakhs und der früheren Angriffe der Pakistani und Chinesen ist die grosse Militärpräsenz verständlich und sollte wohl eher Sicherheit ausstrahlen. Entsprechend häufig waren natürlich auch die Strassenkontrollen. Wir wurden selten aufgehalten, doch als uns doch einmal ein bewaffneter Soldat herauswinkte und die Papiere unseres Fahrers kontrollieren wollte, steckte ihm dieser eine Note zu. Wahrscheinlich für seinen nicht existenten Führerschein…. Doch gleich nach der Kontrolle ging es im üblichen Fahrstil weiter: Unser Chauffeur überholte ausschliesslich bei besonders unübersichtlichen Kurven und vor Kuppen, drückte kurz vor der Kurve aufs Gas und schlitterte so zahlreiche Male ganz knapp am Abgrund vorbei. Nach ca. 2 Stunden Fahrt stiegen wir mit zitternden Knien bei der Gompa in Likir aus und auch unser Chauffeur atmete erleichtert auf, dass er seine erste ¨Fahrstunde¨ überlebt hatte.

Die Gompas, wie die buddhistischen Kloster auf tibetisch genannt werden, sind meist sehr schön oberhalb eines Dorfes auf einem Hügel oder Berg gelegen. Die bekannte Gompa in Likir ist da keine Ausnahme und so konnten wir die schöne Aussicht über das Tal bis ins Dorf Likir geniessen.

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Unterhalb des Hauptgebäudes leben nach wie vor viele Mönche in einfachen Lehmhütten.

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DSC01501Die Gompa in Likir ist in Ladakh, unter anderem auch aufgrund der riesigen goldenen Buddha Statue, sehr bekannt und so waren wir zuerst etwas erstaunt, hier keine anderen Touristen anzutreffen. Doch schon bald rollten die ersten Jeeps mit indischen Touristen an. Diese sind natürlich nicht am trekken, sondern mit ihren Rollkoffern bequem im Auto mit Fahrer unterwegs. Ja fanden sie uns Trekker sogar so exotisch, dass sie uns wie wild aus dem Auto heraus fotografierten, als wir von den Fahrzeugen beim Wandern überholt wurden. So viele Paparazzi waren uns dann doch zu viel und so nahmen wir einen Trampelpfad ins Dorf Likir hinab, wo auch die Einheimischen unterwegs waren.

DSC01516In Likir checkten wir im ersten Guesthouse, in welchem wir vorbei kamen ein, so hatten uns der fantastische Blick aus dem Zimmer auf die Berge und das Dorf sowie die Terrasse begeistert.

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Wir waren die einzigen Gäste und als wir uns zu einem Begrüssungstee in der Sonne auf der Terrasse niederliessen, merkten wir rasch, dass es sich hier um ein spezielles Grüppchen handelte, welches das Guesthouse führte. Frustrierte Spanier auf der Suche nach der Erleuchtung (dazu gehört wohl auch das halbe Gewürzregal durchzurauchen), ein Inder, der auf der Flucht vor der Gesellschaft barfuss durch Zanskar gelaufen sein soll und so weiter. Jedem das seine, aber die Schimpferei auf die Familie und die gesamte Gesellschaft konnten wir dann doch nicht einfach so mitanhören und so geriet Karin in eine hitzige Diskussion mit dem barfüssigen Inder. Die Einladung zur abendlichen Meditationsstunde und anschliessendem spirituellen Tanz lehnten wir dann dankend ab. Keine Ahnung welche Pilzchen sie sich da noch eingeworfen haben… Als wir am nächsten Morgen um 7 Uhr frühstücken wollten, um zeitig loszuwandern, war auf jeden Fall nur der ladakhische Mitarbeiter auf den Beinen.

Und so starteten wir nach einem sehr bescheidenen Frühstück zu unserem ersten wirklichen Wandertag. Obwohl der Trek als einfach gilt und somit viel begangen werden soll, trafen wir auf niemand anderen und wurden von den eindrücklichen kargen Bergwelt eingenommen.

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Die Dreitageswanderung wird auch gerne als ´Baby Trek´ bezeichnet, wegen der Höhenlage unter 4000m. Babys würden ihn allerdings nur auf dem Rücken ihrer Eltern schaffen und auch dort dürften sie ins Schwitzen kommen. Die Sonne brannte gnadenlos auf uns herab und da die ultravioletten Strahlen hier besonders stark sind, merkten wir rasch, dass 3 Mal eincremen am Tag nicht reicht.

Karin, als kleiner Punk in der Einöde Ladakhs:

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Und trotz der trockenen, staubigen Gegend gibt es immer wieder eine grüne Oase, wo Wasser fliesst. Meistens finden sich dort auch einige Häuser, in denen man bei Einheimischen übernachten kann, sogenannte Homestays.

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Wer dabei an ein gemütliches Bed and Breakfast mit weichen Betten und flauschigen Decken denkt, hat weit gefehlt.

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Die Lehmhütten der Einheimischen sind extrem einfach, geschlafen wird auf dünnen Mättchen und einem alten Teppich am Boden. In der Nacht krochen jeweils allerlei Insekten unter der Matratze hervor.

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Das geteilte ¨Badezimmer¨ besteht aus einem kleinen Lehmhäuschen draussen:

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Hinter einem Vorhang verbirgt sich ein Raum mit einem Abflussrohr (= Waschzimmer, mit einem Krug gefüllt mit eiskaltem Flusswasser) und hinter dem anderen ein Raum mit einem Loch (= genau, fürs andere ¨Badezimmergeschäft¨. ¨Mann¨ hat da definitiv einen Vorteil! Die Kauerstellung mit schmerzenden Oberschenkeln nach einer 8-stündigen Wanderung ist da hingegen kein Vergnügen).

DSC01589 Wer also Komfort sucht, ist in den Homestays fehl am Platz. Wer jedoch eine authentische Unterkunft mit einen Einblick ins Leben der Einheimischen und den Kontakt zu offenen, herzlichen und lieben Menschen schätzt, der ist hier richtig. Und darauf kommt es ja beim Reisen drauf an.

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Fürs Nachtessen wurden wir immer in die Familienküche eingeladen, wo unsere Gastgeber auf kleinen, einfachen Ofen Tee, Reis und Dhal (Linsen) kochten. Hin und wieder gab es als Ergänzung auch noch ein anderes Gemüse dazu. In einigen Homestays kochten unsere Gastgeberinnen sogar draussen. Brrrr. Waren die Temperaturen tagsüber zwar jeweils heiss, so kühlte es am Abend sehr stark ab und wir (naja, vor allem Karin) schlotterten jeweils beim Nachtessen, wenn die Einheimischen mal wieder alle Fenster und Türen sperrangelweit offen liessen.

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Zum Frühstück gab es immer Chapatis (Fladenbrot), mal mit Butter und Konfiture oder mit Ei und dazu natürlich Tee. Und damit wir auch während des Tages nicht verhungerten, packten uns unsere Gastgeber in den Homestays jeweils noch einen Zmittag aus Chapatis, gekochten Eiern oder Kartoffeln und einem klebrig süssen Saft ein.

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Der Hotelbesitzer in Leh hatte uns versichert, dass wir nach Beendigung des ‘Baby Treks’ leicht einen Transport in das ca. 60 km entfernte Lamayuru finden würden. So standen wir also guten Mutes an der Hauptstrasse von Nurla und ein paar Jugendliche versicherten uns, dass in etwa einer Stunde der öffentliche Bus von Leh hier vorbeikommen werde. Nach mehr als 90 Minuten meinten die Männer im nahen Kioskrestaurant, welche uns beobachteten, ein Bus würde wohl kaum mehr kommen. Wir sollten unser Glück doch mit Autostopp versuchen. Leider brausten die mit indischen Touristen gefüllten Taxis meist in die Gegenrichtung. Wieder eine Stunde später gab uns ein Mann den Tipp auch die wenigen klapprigen Lastwagen, die auf dem Weg ins Kashmirgebiet vorbeirasten, als Mitfahrgelegenheit ins Visier zu nehmen. Die Laster sahen allesamt alt und nicht gerade einladend aus, doch wir wollten nicht noch im Dunkeln in diesem Ort stehen. Und tatsächlich, schon der erste Laster hielt mit quietschenden Bremsen und ein dunkler, junger Beifahrer sprang von seinem Sitz und machte Gesten wir sollten schnell die Rucksäcke in den Laster hiefen.

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Es war eine Fahrt die wir nicht mehr so schnell vergessen werden. Im mit Schweiss geschwängerten und mit Teppich ausgelegten Innenraum brausten wir in der Mitte sitzend durch Schluchten und über Pässe. Aus den Boxen dröhnte laute arabische Musik und die zwei Fahrer brüllten sich gegenseitig Wörter zu und grinsten. Vieles ging uns durch den Kopf und wir waren eher mistrauisch gegenüber den finsteren Gestalten neben uns. Würden sie uns wohl am richtigen Ort absetzen oder wollten sie zuerst viel Geld von uns haben wollen? Dass der Beifahrer aussah wie frisch aus dem Taliban-Camp entlassen, machte uns bei diesen Gedanken nicht gerade optimistischer.

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Als wir den Ortseingang von Lamayuru zu erahnen glaubten, gaben wir zu verstehen, dass wir raus wollten. Wir warfen unsere Rucksäcke hinaus und hielten den beiden 200 Rupien (3 Franken) hin, doch diese wollten kein Geld annehmen und brausten lachend  um die nächste Ecke in die Dämmerung davon.

Wir nahmen den ersten Homestay, den wir finden konnten.Wir wollten uns einen Ruhetag gönnen und so den hübschen Ort Lamayuru in Ruhe ansehen. Am Hang kleben die einfachen Steinbehausungen und hoch darüber trohnt die mächtige Gompa.

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Der zweite Teil des ersten Treks sollte in höhere Lagen führen und die Tagesetappen wurden von Tag zu Tag strenger. Auf dem Weg nach Wanla kamen wir an einer eindrücklichen Mondlandschaft vorbei.

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Auch Wanla ist bekannt für seine Gompa. Von unserem Homestay aus hatten wir einen wunderbaren Blick und konnten die Gesänge der Mönche mithören.

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Auf dem abendlichen Spaziergang durch die kleinen Dörfer trifft man auf gwundrige Esel, spielende Kinder oder Dorforginale, welche einem in Ladakhi spannendes zu erzählen versuchen (leider ohne dass wir auch nur das Geringste verstehen).

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Im kleinen Dörfchen Hinju, unserem letzten Übernachtungsort vor dem 5000m hohen Konzke La Pass, setzen die Bewohner ein soziales System um, wenn es um die Verteilung der Wanderer geht. Es gibt eine Reihenfolge, so dass die Anzahl Übernachtungen gerecht auf die Familien aufgeteilt werden. Wir wussten das vorher natürlich nicht und fragten im ersten Haus, ob wir übernachten könnten. Der Besitzer schüttelte den Kopf, deutete auf ein grosses, halb im Felsen gebautes Haus und schrie sogleich auf ladakhisch über die Strasse. Und siehe da, Sekunden später stand unsere heutige Gastgeberin ganz aufgeregt und freudig lächelnd vor uns. Sie hatte offenbar nicht gewusst, dass sie an der Reihe war und machte sich, nachdem sie uns Milchtee und Guetzli aufgetischt hatte, sofort daran die Treppe zu wischen. Übrigens funktioniert dieses soziale System nicht in allen Dörfern so gut, wie wir schon am nächsten Übernachtungsort erfahren mussten. Da wurden wir von Haus zu Haus geschickt, weil jeder meinte, der andere sei an der Reihe und erst nach einem heftigen Dorfstreit musste eine Einheimische in den sauren Apfel beissen, ihre Arbeit auf dem Feld verlassen und uns beherbergen. Der Verdienst schien ihr ziemlich egal zu sein, lieber hätte sie wohl auf dem Feld weitergearbeitet. Aber zurück nach Hinju, wo wir ein richtiges ¨Käferfest¨ hatten….

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…unsere herzlichen Gastgeber taten alles für unser leibliches Wohl und einen angenehmen Aufenthalt. Die vielen schwarzen Käfer, welche in der Nacht von der mit Ästen gebauten Decke heruntersegelten und hinter den Kissen hervorkrochen, fanden den Weg direkt ins Karins Schlafsack (böse Zungen behaupten, dass Christians Käsefüsse sogar den Käfern zu viel war, so dass sie seinen Schlafsack mieden ;-) ) und taten somit alles, um uns eine kurze Nacht zu bescheren…

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Auch wenn sich die Kommunikation auf wenige Englische Wörter beschränkte, erzählen unsere Gastgeber uns mit Händen und Füssen aus ihrem Leben. Wir machten dassselbe und lernen immer ein paar Worte in Ladakhi dazu.

Gut gelaunt trotz des ´Käferfestes´ nahmen wir den langen Anstieg auf den höchsten Punkts unseres ersten Passes in Angriff.

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Wir kamen gut voran, fanden unseren Laufrythmus in der dünnen Luft und waren auch auf 5000m noch zu Scherzen aufgelegt.

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Der Weg das Tal hinaus war einfach zu gehen und die Kulisse zum Geniessen. Nach einem ausgiebigen Mittagsrast glaubten wir unserem Tagesziel nahe zu sein.

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Doch weit gefehlt! Kein Dorf war in Sicht, was laut unserem Wanderführer schon längst der Fall hätte sein sollen. Wir glaubten sogar das Dorf verpasst zu haben und so machte sich Christian ohne Rucksack auf die Suche. Die Sonne stand schon tief, als er mit Neuigkeiten zu Karin zurückkehrte.

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Wir hatten nochmals 40 Minuten zu gehen und nach dem oben erwähnten Homstaysuche (= das schlecht funktionierende ¨soziale System¨) plumsten wir auf den harten Teppich unserer Kammer.

Für den letzten Wandertag schnürten wir unsere Schuhe nicht ganz so früh. Es war auch heute ein hoher Pass zu bewältigen, doch waren wir am Vortag so gut vorangekommen.

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Aber es wurde ein qualvoller, mühsamer und langer Tag. Karin hatte die Verpflegung im Homestay nicht gut vertragen und so wurde ihr im Laufe des Tages immer übler. Sie schleppte sich den steilen Weg auf den Pass hinauf und wir mussten viele Pausen einlegen. Das Wetter war wechselhaft, doch zum Glück kamen wir mit ein paar Schneeflocken davon. Und zu guter letzt war der Weg nicht immer ersichtlich, so dass wir mehr als einmal in eine Sackgasse liefen. Es war ein Tag zum abgewöhnen. Völlig erledigt, schafften wir es gerade noch vor dem Eindunkeln ins Dörfchen Chilling, worüber wir sehr froh waren. Mit der Stirnlampe im Dunkeln über Stock und Stein durch die Schlucht zu gehen, hätte uns gerade noch gefehlt. Die Besitzerin des 2-Raum Hauses, in welchem wir in dieser Nacht schliefen, sprach zwar kein Wort Englisch, doch versorgte Karin gut mit magenschonendem Essen und Pfefferminztee.

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Mit dem Bus gings am nächsten Tag zurück nach Leh, wo Erholung und anderes Essen als Dhal und Reis angesagt war. Denn in ein paar Tagen soll es schon auf unseren nächsten Trek ins Markha Tal gehen.

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